LISA WÄSCH – RAW 91

"An dem Laden hier hängt auch ein emotionaler Wert – das ist einfach mein Baby und das gehört ins Bahnhofsviertel.“

Ganz am Anfang der Münchener Straße, bei der Hausnummer acht, gibt es etwas Neues im Frankfurter Bahnhofsviertel. Wo sonst Dönerläden und Barbiershops dominieren, hat im Sommer 2019 eine neue Lokalität aufgemacht, in der es den ganzen Tag über Frühstücks-Speisen gibt – das „91 Raw“.
Die 91 im Namen steht für das Jahr 1991, das Geburtsjahr der Inhaberin Lisa Wäsch, und Raw steht für die Art der Verarbeitung der Lebensmittel „Wir versuchen hier alles so roh wie möglich anzubieten”, erklärt mir Lisa, welche eine Ausstrahlung besitzt, die sie nahbar macht und dazu verführt, sie auf Anhieb ins Herz zu schließen.

Inspiriert zum Namen „91 Raw“ hat Lisa aber auch der bekannte Spruch „Come as you are“: „Egal, ob du hier als Vegetarier, Pescetarier, Flexitarier oder Veganer reinkommst, du sollst fündig werden und jeder soll die gleiche gute Qualität bekommen, ohne dass wir irgendwen zu gesunder Ernährung erziehen wollen. Das ist nicht unser Anspruch.“

Die 28-Jährige, gebürtige Heidelbergerin ist in ihrem Leben bereits elfmal umgezogen und hat sich nach eigener Aussage nirgendwo richtig Zuhause gefühlt. Notgedrungen durch ihren Job im Sales-Bereich eines großen Kosmetikkonzerns, ist sie vor zwei Jahren nach Frankfurt gekommen: „Hier habe ich mich zum ersten Mal gefühlt, als wäre ich angekommen. Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht, woran das liegt, nachdem ich sonst immer so getrieben war und ich glaube, es ist dieses Internationale und Interkulturelle,  dass die Menschen hier gerne einmal über den Tellerrand hinausschauen. Zudem ist Frankfurt eigentlich eine relativ kleine Stadt, du kannst prinzipiell alles zu Fuß erlaufen und du kannst, insofern du das möchtest, die gleichen Leute immer wieder sehen.“

Lisa ist aber weder Chemikerin, noch hat sie jemals eine Ausbildung zur Köchin absolviert, stattdessen hat sie Wirtschaftswissenschaften studiert. Während eines Auslandssemesters in San Diego kam Lisa die Inspiration ihre eigene Gastronomie zu eröffnen: „Dort auf dem Campus gab es so viele coole gastronomische Spots und Ideen, die es zu dieser Zeit noch nicht einmal in unserer Hauptstadt, gab.“

 

In Frankfurt hat Lisa dann die Chance ergriffen und ihren Traum wahr werden lassen. Bis zur Eröffnung war es aber ein langer Weg: Fast 15 Monate lang hat sie nach einer passenden Location suchen müssen. Dabei hat sie von Anfang an gezielt im Bahnhofsviertel gesucht. Die Jungunternehmerin hat ihre Zielgruppe schnell herausgearbeitet: „Berufstätige, die das nötige Kleingeld besitzen, um auch einmal etwas mehr für ihr Frühstück oder Mittagessen auszugeben – und das am liebsten „ToGo“. Mit diesem Hintergrund wusste Lisa, es kommt eigentlich nur das Banken- oder Bahnhofsviertel in Frage. „Ich hatte nie den Hintergedanken, dass das Ganze hier in den nächsten drei Jahren das mega Szeneviertel wird und mein Laden durch die Decke gehen würde. Es war eher so, dass ich hier reinkam und einfach das Gefühl hatte, dass es passt.“

Die Inspiration für die Gerichte holt sich Lisa hauptsächlich über Instagram und Pinterest sowie durch das Reisen. „Bei uns funktioniert das Kochen nach dem „Learning by Doing“-Prinzip. Du probierst ein neues Gericht aus, wie beispielsweise den Veganen Chili Burrito, und dann überlegst du dir, was noch gut dazu passen könnte – in diesem Fall rote karamellisierte Zwiebeln,“ erzählt sie.

Jede neue Mahlzeit wird vom gesamten Team probiert und kommt erst auf die Speisekarte, wenn alle sich einig sind, dass es schmeckt. Lisas persönlicher Favorit ist der Wirsing-Wrap „obwohl der so hässlich aussieht“ sagt sie mit einem Schmunzeln auf den Lippen.  Der Wirsing-Wrap wurde eingeführt, weil die Nachfrage nach glutenfreien Snacks immer stärker wurde. Gefüllt ist die kleine grüne Rolle mit Süßkartoffeln, Rotkohl, Humus und Walnüssen.

Lisa und ihr Team haben seit der Eröffnung bisher keine wirklich negativen Erfahrungen im Viertel gemacht. „Klar, es macht bestimmt einen Unterschied, dass unser Laden in der Münchener Straße und nicht beispielsweise in der Taunusstraße gelegen ist und natürlich müssen die Kunden hier, gerade im Sommer, wenn man draußen sitzen kann, auch eher auf ihre Handtasche aufpassen als in anderen Stadtteilen. Aber wirkliche Probleme gab es nie.

Während unseres Gesprächs, grüßt Lisa jeden einzelnen Kunden, der in den Laden kommt, Stammkunden werden auch namentlich angesprochen.

Die meisten Leute, die das „91 Raw“ aufsuchen, kommen gezielt: „An Laufkundschaft hast du vielleicht zehn Prozent. Also total wenig.“
Während unseres Gesprächs betreten junge Pärchen, Anzugträger und asiatische Touristen den Laden. Eine bunte Mischung, welche die exponierte Innenstadtlage widerspiegelt.

Natürlich gibt es auch einmal ungebetene Gäste. So kam es beispielsweise auch schon öfter vor, dass jemand versucht hat in Lisas Laden gerade erst gestohlene Edel-Parfums zu verkaufen. Doch unsicher habe sich die 27-Jährige nie gefühlt – im Gegenteil: Lisa berichtet, dass sie sich eher dazugehörig und beschützt fühlt als als Fremde: „Gegenüber befinden sich ja zahlreiche Barbiershops, dort sieht man oft mal sehr breit gebaute Typen, die mit viel Goldschmuck behängt sind und große Uhren tragen. Einmal ist hier einer reingekommen und hatte zwei verschiedene Gesichtsmasken drauf, während er sich schnell einen Saft holen wollte. Das war schon ein suspekter Anblick. Der Typ war dann aber auch total nett und hat mir später sogar eine Probe der Gesichtsmaske vorbeigebracht.“

Das sind wohl diese kleinen, besonderen Vielfalts-Erlebnisse, die es so nur im Bahnhofsviertel gibt.

Wenn man Lisa fragt, ob sie ihren Standort tauschen würde, wenn sich eine Lokalität in einem angeseheneren Stadtteil anbieten würde, hat sie eine klare Antwort: „Nein. Wenn, dann würde ich etwas zusätzlich machen. An dem Laden hier hängt auch ein emotionaler Wert – das ist einfach mein Baby und das gehört ins Bahnhofsviertel.

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©Bilder/ Lisa Wäsch/ Annkathrin Weiss

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